Zappelphilipp – ADS/ADHS – Die Ritalin-Epidemie
Posted on: Juni 29, 2010
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Sicher ist: Kein Arzt kann eine Aufmerksamkeitsstörung in ein paar Minuten feststellen. Wer die Diagnose nach allen Regeln der Kunst stellt, braucht dafür Stunden; meistens sind sogar zwei Sitzungen erforderlich. Eine sorgfältige Diagnose ist sehr wichtig, weil sich hinter den Symptomen Unaufmerksamkeit und Zappeligkeit viele Ursachen verbergen können. Wie der Arzt dabei vorgehen sollte, ist klar geregelt: Fachleute haben auf der Basis wissenschaftlicher Studien Handlungsempfehlungen verfasst. Vor allem muss der Arzt eines tun: fragen und zuhören. Er muss sich ein umfassendes Bild von der Lebenswelt des Kindes machen: Freundschaften, Schule, Erziehungsstil der Eltern, Beruf der Eltern, Krankheiten des Kindes, Krankheiten in seiner Familie und vieles mehr.
Die Symptome
Der Arzt geht mit den Eltern einen Katalog von Verhaltensweisen durch. Das sind zum Beispiel Beschreibungen wie diese: “scheint oft nicht zuzuhören, wenn direkt angesprochen”, “beachtet oft Einzelheiten nicht genau oder macht oft Flüchtigkeitsfehler”, “ist oft vergesslich bei Alltagstätigkeiten”, “redet oft übermäßig viel”. Erfüllt das Kind eine bestimmte Anzahl dieser Kriterien, kann der Arzt die sogenannte “Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung” (ADHS) diagnostizieren. Aber ehe es soweit ist, sollte der Arzt auch Erzieher oder Lehrer befragen – denn er darf die Diagnose nur dann stellen, wenn die Verhaltensauffälligkeiten in verschiedenen Situationen auftreten, also zum Beispiel sowohl in der Schule als auch zu Hause. Ein Kind, das in der Schule niemals stillsitzen kann, aber zu Hause gut klarkommt, hat möglicherweise gar keine Stichworthyperkinetische Störung. Die Symptome müssen lange andauern und schon vor dem sechsten Lebensjahr aufgetreten sein. Ältere Kinder und Jugendliche können auch ein Selbstbeurteilungs-Bogen ausfüllen; allerdings gilt der Bericht der Erzieher als ausschlaggebend.
Körperliche Untersuchungen und Tests
Zur Diagnose gehört auch eine gründliche körperliche Untersuchung, um auszuschließen, dass neurologische Erkrankungen oder andere körperliche Ursachen hinter den Symptomen stecken: Hörprobleme zum Beispiel oder eine Schilddrüsenerkrankung. Deshalb sollte der Arzt bei jüngeren Kindern Hör- und Sehtests sowie andere Entwicklungstests durchführen. Schulkinder sollten einen Intelligenztest machen – denn auch schulische Unter- oder Überforderung kann zu Zappeligkeit führen. Es gibt auch Tests, mit denen speziell die Aufmerksamkeit des Kindes geprüft wird: Dabei müssen die Kinder eine Aufgabe bearbeiten, für die sie maximale Konzentration brauchen. Das Ergebnis kann aber niemals ein Beweis für eine Aufmerksamkeitsstörung sein, sondern höchstens ein Hinweis. Auch Kinder ohne hyperaktive Störung können schlechte Testergebnisse liefern, und andersherum schließt ein gutes Ergebnis eine ADHS-Diagnose nicht aus. Tatsächlich gibt es keinen Test, mit dem sich ADHS-Kinder von anderen Kindern zuverlässig unterscheiden lassen.
Wo es schwierig wird
Ein Problem sind die unscharfen Formulierungen der Verhaltensbeschreibungen – bei fast jedem Punkt findet sich das Wort “oft”: “Scheint oft nicht zuzuhören, wenn direkt angesprochen” oder “beachtet oft Einzelheiten nicht genau”. Aber was bedeutet “oft”? In den Diagnose-Richtlinien heißt es, diese Verhaltensweisen müssten in einem “nicht dem Entwicklungsstand entsprechenden Ausmaß” auftreten. Ob Eltern immer genau wissen, ab wann ein Verhalten dem Entwicklungsstand entspricht oder nicht? Hier muss der Arzt sehr genau nachfragen. Außerdem können Unaufmerksamkeit und Zappeligkeit viele verschiedene psychische Ursachen haben: Konflikte in der Familie etwa, eine Scheidung oder ein Trauerfall. Es kann auch eine Depression oder eine Angststörung dahinter stecken. Diagnostiziert der Arzt dann fälschlicherweise ADHS, verpasst er die Chance, das zugrundeliegende Problem zu behandeln. Bei bis zu 80 Prozent der Kinder, die die Diagnose ADHS erhalten, finden sich zusätzlich andere psychische Störungen. Um diese genau abzugrenzen, braucht der Arzt psychiatrisches Fachwissen. Kritiker bemängeln, dass Kinderärzte dazu nicht die entsprechende Ausbildung haben. Laut StichwortLeitlinien sollte der Kinderarzt eng mit Kinderpsychiatern zusammenarbeiten; allerdings sind in vielen Regionen Deutschlands die Wartezeiten auf einen Termin beim Kinderpsychiater so lang, dass die wenigsten Kinder tatsächlich zu einem Kinderpsychiater geschickt werden. In einer Studie mit Kassenpatienten in Nordbaden stellte sich heraus, dass nur 13 Prozent aller ADHS-Patienten regelmäßig von einem Neurologen oder Psychiater betreut wurden. Kinderärzte können jedoch mit Hilfe genormter Fragebögen bereits eine grobe Einschätzung treffen, ob eine andere psychiatrische Störung wahrscheinlich ist.
Zusätzliche Arbeit ohne zusätzliche Bezahlung
Jeder Arzt darf Aufmerksamkeitsstörungen diagnostizieren und die entsprechenden Medikamente verordnen. Wie oft es zu Fehldiagnosen kommt, wurde bisher in keiner Studie überprüft. Meistens ist der Kinderarzt die erste Anlaufstelle. Ein Problem ist der Zeitaufwand, den eine fachgerechte Diagnose bereitet: Die Kinderärzte bekommen für jeden Patienten eine Quartalspauschale – egal, ob sie einen Schnupfen oder eine ADHS diagnostizieren. Das motiviert natürlich nicht gerade für eine stundenlange Untersuchung. Kinderärzte, Kinderpsychiater und die Kassenärztliche Bundesvereinigung wollen sich im Frühjahr 2008 jedoch auf eine gemeinsame Strategie einigen, um die Versorgung von ADHS-Patienten zukünftig besser zu organisieren. Ärzte haben dann die Möglichkeit, sich mit Psychotherapeuten und anderen Spezialisten zu einem “ADHS-Team” zusammenzuschließen, das sie einerseits zur Beachtung bestimmter Standards verpflichtet, ihnen aber andererseits auch eine zusätzliche Bezahlung bietet. (Infotext von wdr.de übernommen)
Genre: Dokumentation
Sprache: Deutsch
Länge: ca. 45 Min.
Quelle: YouTube



Februar 6th, 2011 at 19:55
Als Ich-kann-Schule-Lehrer stelle ich erst einmal alle FESTstellungen wieder locker: damit es überhaupt weitergeht. Das Wort “Diagnose” bedeutet DURCHBLICK; wer den nicht hat, sollte keine “Diagnose (in den Raum) stellen”. In der Ich-kann-Schule würde er erst ernst genommen, wenn er wenigstens von einer Problemlösung berichten kann, die ihm schon mal geglückt ist. Das würde auch dazu beitragen, dass die Probbleme nicht ständig wachsen, obzwar doch alle alles immer nur noch besser machen – angeblich. Etwas Selbstreflexion könnte nicht schaden. Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe