Die Fleischmafia

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Die Fleischmafia

“Fleisch” – ein Wort, bei dem “Skandal” oder “Gammel” fast automatisch hinzugedacht wird. Bei der Häufung der Ermittlungsverfahren in Deutschland scheint es nicht mehr nur um die Verfehlungen einzelner “Bösewichte” zu gehen – das System der Fleischverarbeitung und der Kontrolle an sich hat strukturelle Defizite. Eine ungenügende Prüfungsdichte und vor allem Prüfungsintensität der Betriebe ist für die nicht enden wollenden Skandale verantwortlich. Doch der Umgang mit dem Lebensmittel Fleisch weist nur auf eine Lücke im System, die Verdrängung deutscher Arbeitnehmer aus den Fleischfabriken auf eine andere, nicht minder schwerwiegende.

Hemmungslose Konkurrenzkampf um Arbeit und Kosten

Ganz “legal” schuften in vielen deutschen Schlachtereien osteuropäische Arbeitskräfte unter erbärmlichen Bedingungen, die an frühe Formen des Manchesterkapitalismus erinnern. Reinhard B. ist ein einfacher Mann und Vater von acht Kindern. Gelernt hat er Schlachter – zu einer Zeit, als das ein sicherer Job war – in einer Region, die vom Fleisch lebt, in der mehr fleischverarbeitende Betriebe existieren als irgendwo sonst in Deutschland. Jetzt ist Reinhard B. arbeitslos. Ein halbes Jahr Arbeitslosengeld bekommt er noch, dann droht auch ihm Hartz IV. Er wurde entlassen – zusammen mit der gesamten Kolonne, mit der er am Band einer großen Firma arbeitete. Nur wenige Meter von seinem Haus entfernt sind die Polen untergebracht, die jetzt ihren Job machen.

Gesetze und Schlupflöcher

Die polnischen Fleischer, die ihm den Arbeitsplatz weggenommen haben, sind auch Opfer, keine Täter. Sie erzählen von ausstehenden Löhnen und menschenunwürdigen Arbeitszeiten. Das Wohnheim, in dem sie hausen, ist in einem erbärmlichen Zustand. Auf wenigen Quadratmetern wird hier die Situation einer ganzen Branche deutlich. Der hemmungslose Konkurrenzkampf um Arbeit und Kosten, der zehntausenden Deutschen ihren Job gekostet hat, wird greifbar.

Ob in der Landwirtschaft, im Handwerk oder im Fleischgewerbe: Osteuropäer aus EU-Ländern können ganz legal in Deutschland arbeiten. In der Europäische Union herrscht Freizügigkeit für Waren und Dienstleistungen, also auch für Arbeitnehmer – im Prinzip zumindest. Doch für die jüngst beigetretenen Mitgliedstaaten in Osteuropa gelten bis 2011 Übergangsfristen. Bis dahin haben Osteuropäer keinen Zutritt zum Arbeitsmarkt in der EU. Dennoch drängen osteuropäische Arbeitskräfte mit einer Arbeitserlaubnis auf den Markt zu Löhnen, bei denen Deutsche nicht mehr konkurrenzfähig sind. Dabei hatte die Politik versprochen, dass genau das nicht passieren würde: Doch niemand rechnete mit dem Erfindungsreichtum einer “Mafia”, die jede Lücke nutzt, um Kapital aus dem Lohngefälle zwischen Ost und West zu schlagen. Wie ist das möglich?

Menschenhandel wie bei der Prostitution

Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er Jahre. Es ist die Zeit des Wandels in Osteuropa – reihenweise fallen die kommunistischen Regimes. Unter Helmut Kohl als Kanzler werden gegenseitige Abkommen geschlossen. Kaum im Fokus der Öffentlichkeit damals: die sogenannten Werkvertragsabkommen. Sie erlauben es deutschen Firmen, sich “Kontingente” osteuropäischer Arbeiter in die Betriebe zu holen – wenn sie belegen können, dass Deutsche für diese Arbeiten nicht zu finden sind. Es ist die Geburtsstunde einer Mafia, die bis heute am Werk ist.

Das Werkvertragsabkommen hilft, die heutigen Beschränkungen für Osteuropäische Arbeitnehmer zu umgehen. Denn oft wurden die “Leiharbeiter” nicht von Schlachthöfen entsandt, so wie es das Gesetz vorsieht, sondern nur von Briefkastenfirmen, die als Anwerbebüros fungieren. Die Arbeiter, die so nach Deutschland gelangen, hausen menschenunwürdig zu sechst in kleinen Zimmern, ohne Kühlschrank – ihre blutige Arbeitskleidung müssen sie in Müllsäcken deponieren. Sie erhalten nicht den regulären Lohn, den ihnen in der Heimat versprochen wurde und arbeiten nach eigenen Aussagen von 4.30 bis 20 Uhr im Knochenjob der Fleischzerlegung. Kein Wunder, dass unter solchen Arbeitsbedingungen Skandale um abgelaufenes und umetikettiertes Fleisch gehäuft auftreten. Es ist eine moderne Form des Menschenhandels mitten in Deutschland, sagen die Gewerkschaften – “Mafiaähnliche Strukturen” sieht der Oldenburger Staatsanwalt Bernard Südbeck.

Kriminelles Milieu in der Ernährungsindustrie?

Der Film von Adrian Peter, den Sie am Montag, den 08 Januar 2007 um 20.15 Uhr sehen können, führt in die Welt der “Fleisch-Mafia”, in der es vor allem um schnelles Geld geht. Wir zeigen die Hintermänner und Profiteure eines Menschenhandels von riesigem Ausmaß. Wir lernen Staatsanwälte und Gewerkschafter kennen, die seit Jahren gegen das Problem ankämpfen und immer wieder hilflos erleben, wie die Paten der “Fleisch-Mafia” immer wieder in neue Gesetzeslücken stoßen. Wir geben Ihnen Einblick in eine Szene, die man eher im kriminellen Milieu als in der Ernährungsindustrie erwartet hätte. (Infotext von 3sat.de übernommen)

Genre: Dokumentation
Länge: ca. 44 Min.
Sprache: Deutsch
Quelle: YouTube

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